Ist der Ruf erst ruiniert…/ about reputation

(English version follows below)

Wir wohnen ja nun in einem kleinen Dorf. Noch kleiner als das Dorf, in dem wir vorher gelebt haben. Und es scheint so, als ob man sich in so einem Dorf doch recht schnell einen Namen macht. Heute morgen kam ich jedenfalls zur Post, diesmal mit Ausweis, und wurde mit den Worten “Ach ja, sie sind ja die Schweizer!” begrüßt. Das ist schon lustig, vor allem, weil die Frau tatsächlich dachte, wir wären echte Schweizer (eine Annahme, die angesichts unseres eindeutig nicht schweizerdeutschen Akzents bei jedem Schweizer Empörung auslösen würde).

Nicht ganz so lustig ist es allerdings, wenn einem dann auch jeglich Verhaltensaussetzer der Kinder nachhängen. Es gab nun halt diesen einen Zwischenfall im Dezember. Man stelle sich ein Postamt in der Woche vor Weihnachten vor: eine ewig lange Schlange, alle Leute mit Paketen unter den Armen, und dann ich mit Paketen und zwei Kleinkindern im Schlepptau. Und als ich endlich an der Reihe war, da rannten plötzlich beide Kinder zu den Ständern mit den Flyern, griffen beherzt zu und warfen jauchzend circa hundert Flyer in die Luft. Mir lief der Schweiß von der Stirn, Rauchwolken kamen aus meinen Ohren, und die Postbeamtinnen runzelten pikiert die Stirn. Und sie runzelten weiter, während ich schwitzend versuchte, einen wildgewordenen Einjährigen unterm Arm zu fixieren, eine uneinsichtige Dreijährige zum Helfen zu verdonnern und gleichzeitig die hundert Flyer wieder aufzusammeln. Von allen Leuten, die da standen und schauten und die Stirn runzelten kam mir genau EINE zu Hilfe – natürlich eine Frau, die ebenfalls zwei Kinder hatte.

So, und an diesen Zwischenfall erinnern sich diese Postbeamtinnen auch nach sechs Wochen noch! Und erzählen heute dann gleich auch, dass das wirklich nicht witzig war, weil sie die Flyer hinterher teilweise noch wieder sortieren mussten.

Nein, habe ich gesagt, ich fand das auch nicht witzig! Aber ich habe nun mal nur zwei Arme, und damit zwei Kinder festhalten und Päckchen abzugeben und zu bezahlen geht nun mal nicht gleichzeitig! Natürlich kam daraufhin der Hinweis, dass die Kinder ja auch lernen müssten, das sowas nicht geht. Also Leute, denk ich mir da, nun bleibt mal alle schön locker! Mein Sohn ist noch nicht mal 1,5 Jahre alt und der hat nun eben noch nicht gelernt, dass er nicht einfach juchzend Papier in die Luft werfen darf. Sowieso gibt es in  unserer Familie ja eine gewisse Lernresistenz, die sich in vielerlei Hinsicht auf den Nachwuchs zu übertragen scheint. Anstatt pikiert zu gucken und einem das wochenlang nachzutragen, könnte man ja auch einfach mal helfen! Irgendwann zahlen diese Kinder schließlich eure Rente!

Dass sämtliche meiner Postbesuche in letzter Zeit eher chaotisch waren, trägt leider nicht zur Besserung meines Rufes bei. Aber was soll’s. Besser verpeilt und liebenswert, als verklemmt und unfreundlich!

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As you might have noticed, we are now living in a small town. Even smaller than the town we lived in before (to be correct: half as big as before). And it appears that one is quickly known in a town like this.

This morning, I went to the post office (this time I brought my passport), and I was greeted with the words “Of course, you are the Swiss!”. Which is amusing, especially because the woman thought that we are indeed Swiss (an assumption that would almost assault a proper Swiss, regarding our definitely not-existent Swiss accent!).

But it’s not entirely amusing anymore if you notice that every small behavioural misfire of the kids is well remembered. See, there has been this one incident in December. Imagine a post office during the week before christmas: long queues, lots of parcels, sweating customers, and myself with several christmas parcels and two kids in tow. When it was finally my turn, my kids ran to the shelves with the flyers, grabbed about one hundred of them and threw them into the air, with loud jubilance. Sweat was running down my forehead, steam was coming out of my ears, and the post office clerks watched and furrowed their eyebrows while I tried to collect the one hundred flyers again, holding a one year old who’s gone wild and trying to convince a three year old to help. Of all the people standing and watching, exactly ONE woman decided to help me – of course a mother who had two kids herself.

And this one incident is still remembered by the post office clerks six weeks later! And they even tell me that it really wasn’t funny – they even had to sort some of the flyers again after I left.

No, I said, for me it wasn’t funny either. But unfortunately I only have two arms, and it’s not possible to hold two children, carry all the parcels and pay at the same time. Of course I was told that the kids have to learn that they are not allowed to do stuff like this. And I thought: For Christs sake, people, just try and relax! My son is not even 1,5 years old and no, so far he didn’t learn that he is not supposed to happily throw paper into the air. Also, there is a certain resistance to learning in our family and it seems to be inherited by some of our children as well. But instead of watching and furrowing your eyevbrows you could also try and help a little bit. After all, these kids are supposed to pay your pension one day.

The fact that all of by visits at the post office have been rather chaotic so far doesn’t really help to improve my reputation. Whatever. I prefer to have a “chaotic but still somehow lovely” reputation than a “uptight and unfriendly” one.

 

About erdhummel

Familial entropy - that's an insight into our current life which has been fundamentally changed last summer when our daughter was born. Having studied in Cottbus, Germany, and worked/studied in Edinburgh, Scotland, we momentarily live in a small town in Switzerland where Karsten is trying to save the environment and Freddie is trying to save our sanity. Since there is not much time for elaborate, long emails while doing that, we thought a blog might be a good option to smuggle ourselves into the lifes of our friends.
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7 Responses to Ist der Ruf erst ruiniert…/ about reputation

  1. eingehirner says:

    Definitiv! Deshalb mochten wir euch so gern, als ihr noch unsere Nachbarn wart. Verpeilt und liebenswert ☺

  2. Karen says:

    Ich habe ja so das Gefühl, dass man in Deutschland gar nichts erst falsch machen muss, sondern dass es schon reicht, wenn man mit mehreren kleinen Kindern irgendwo reinkommt, um verkniffen und misstrauisch beäugt zu werden. Voll der Kulturschock jedes Mal!

    Und euch hilft wohl nur, euch ein dickes Fell wachsen zu lassen… *seufz*

    • erdhummel says:

      Das Gefühl habe ich auch – irgendwie werden wir hier gerade von älteren Leuten wesentlich verkniffener beäugt als in der Schweiz. Und das, obwohl die Schweiz vom ganzen System her eigentlich viel familienunfreundlicher ist (ich sage nur Elternzeit und so…). Und ja, der Sohn macht schon viel Blödsinn, aber in der Öffentlichkeit nun auch nicht mehr als die meisten anderen Kinder in dem Alter. Da hilft wahrscheinlich echt nur ein dickes Fell und eine gehörige Portion Selbstvertrauen und Ironie…

  3. Karin says:

    ich weiß genau wovon du redest, da ich in Elgersweier die gleichen Probleme hatte mit meinen beiden und dem Mann der bei Regen mit Gummistiefeln auf dem Fahrrad zum Bahnhof fuhr, wenn er nach Berlin zu einer Sitzung wollte. Nicht zu vergessen das Auto (VW Käfer) mit den abmontierten Trittbrettern damit es nicht weiter durchrostet:-). Als ich mich dann noch für Tempo 30 im Bereich des Kindergartens eingesetzt habe, bekam ich sogar vom Bürgermeister einen Rüffel!!!!!!!!!! Ich hoffe die anderen Eltern von den Waldkindergarten-Kindern sind eher auf Eurer Linie!!

    • erdhummel says:

      Ich glaube, mit anderen Eltern ist das gar kein Problem, denn im Prinzip geht es denen ja auch so und es gibt ja doch ziemlich viele hier, die zumindest zwei Kinder haben. Aber diese misstrauischen Blicke gerade von Verkäufern und älteren Leuten fallen schon auf…

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