Indien, Tag 4 / India, day 4

(English version follows below)

Der Morgen danach….kaum Katerstimmung (man erinnere sich, dass die Frauen in Indien nicht trinken), aber trotzdem Augenringe, da das B&B einen Buchungsfehler für diese eine Nacht hatte und ich für eine Nacht auf dem Sofa im Wohnzimmer geschlafen habe. Das tat der Qualität der Bleibe und der Freundlichkeit der Besitzerin keinen Abbruch (ich hätte mir auch für die Nacht ein Hotelzimmer nehmen können, dazu war mir aber der Aufwand zu groß), aber die Nacht war deshalb doch eher kurz, da direkt neben mir der Frühstückstisch stand.

Nachdem ich nun die ersten Tage auf der Hochzeit meiner Freundin war und tagsüber unerwartet wenig Zeit blieb um sich die Stadt anzugucken, hatte ich für heute einen Tag im Stadtzentrum von Delhi geplant. Der genaue Plan war: zum Connaught Place fahren, dort ein Ticket für den Hop-on-hop-off Bus zu kaufen, dann in den Bus einzusteigen und an entsprechenden Sehenswürdigkeit lockerflockig aussteigen und Tourist spielen. Old Delhi mit dem Basar und der großen Moschee hatte ich bewusst erst für den letzten Tag eingeplant, um mich erstmal in der Stadt zurecht zu finden.

Nun ja, ich weiß nicht, ob sich überhaupt jemand in Delhi zurecht findet. Ich wage es zu bezweifeln. Und mal vorneweg gesagt: hier wird’s keine wunderhübschen, pittoresken Fotos von bunten Obstständen, vollen Gewürzsäcken und leckerem Essen geben. Ich mache unglaublich gerne Fotos und hatte mir von Indien ehrlich gesagt einige sehr schöne Motive erhofft. Aber ich war viel mehr damit beschäftigt, meinen Weg zu finden, diverse indische Männer abzuschütteln und aufzupassen, dass mein Rucksack im Gewühl nicht verloren geht, als dass ich die Muße hatte, für Fotomotive zu verweilen. Zumal einem der Smog sowieso einen Strich durch die Rechnung macht, was farbenfrohe Bilder angeht….

Immerhin habe ich mich ins volle Leben gestürzt und bin erst mit einem Tuktuk zur nächsten Metrostation getuckert, und dann mit der Metro ins Stadtzentrum zum Connaught Place (dem von den Briten schachbrettartig geplantem Stadtteil) gefahren. Metro fahren ist in Delhi übrigens das schnellste Fortbewegungsmittel, zumindest was längere Strecken angeht. Die Metro ist modern und es gibt seit einiger Zeit an einem Ende des Zuges einen Wagen nur für Frauen, was das Metrofahren unglaublich angenehm macht!

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Am Connaught Place angekommen umfängt einen der Wahnsinn einer indischen Großstadt: Menschenmassen, Autos, Affen, Tuktuks, Straßenhändler, Bettler und eine dichte Wolke aus Abgasen. Die Smog-Situation im Zentrum von Delhi ist tatsächlich schlimm, nach kürzester Zeit beginnen einem die Augen zu brennen, man bekommt Kopfschmerzen und Reizhusten.

Ich ließ mich zuerst treiben, merkte aber bald, dass man sich als Frau nicht wirklich treiben lassen kann, weil man ständig Begleiter hat, die einen ins Gespräch verwickeln und irgendwo hinführen wollen. Alle waren sehr nett und freundlich, aber auf die Dauer ist es doch anstrengend. Nachdem ich die ersten zwei erfolgreich abgeschüttelt hatte, erwies sich der dritte als besonders hartnäckig und ich floh in das Indian Coffee House um einen imaginären Freund dort zu treffen (während mein Begleiter mir versprach, davor zu warten….ähäm….). Das Coffee House, das im Reiseführer mit “man fühlt sich zurückversetzt in alte Zeiten” beschrieben wurde, war spartanisch, leicht schmuddelig und lud meiner Meinung nach nicht sehr zum Verweilen ein (ich fühlte mich durch entsprechende Schilder bestätigt).

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Das Logo vom Indian Coffee House – die Werbewirksamkeit ist zweifelhaft / The logo of the Indian Coffee House – with a questionable marketing value

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Smog über Delhi / smog in Delhi

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Nachdem ich also wieder genug Kraft geschöpft hatte, machte ich mich auf die Suche nach dem Hoho-Bus, den ich aber nicht fand. Da sich schon wieder der nächste Begleiter an meine Fersen heftete, lief ich kurzerhand zur Jantar Mantar, einer alten Sternwarte und schaute mir die Arbeiten dort an.

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Und plötzlich hatte ich Appetit auf Eis / And suddenly I was craving for ice-cream

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Anschließend machte ich mich mit der Metro auf den Weg zum Lotus Tempel. Das ist einer der wenigen Bahai Tempel, die es weltweit gibt, und ich hatte meinem Bruder versprochen, ihm einen Besuch abzustatten. Die Grundidee der Bahai ähnelt der Ringparabel aus Nathan dem Weisen, nämlich dass alle Menschen im Prinzip an den gleichen Gott glauben und die verschiedenen Religionen einfach auf verschiedene historische Umstände zurückzuführen sind. In der Metro traf ich jedoch erstmal eine junge Frau aus der französischen Schweiz, die sich den nahegelegenen Hindu-Tempel anschauen wollte und der ich mich spontan anschloß.

Vor dem Hindu-Tempel war viel los und wir waren die einzigen Touristen. Gemeinsam mit vielen anderen gaben wir unsere Schuhe vor dem Eingang ab und gingen barfuß in die Tempelanlage. Gleich hinter dem Tor wurde es voll. Richtig voll. Wir schoben uns dicht gedrängt durch enge Gassen, an deren Seiten Blumenketten und diverse andere Gebetsutensilien verkauft werden. Der Boden war schlüpfrig und ich möchte gar nicht wissen, über was ich da alles barfuß gelaufen bin. Hinter einem Gitter schob sich eine drängelnde Menschenmasse entlang – dort ging es in den Innenbereich des Tempels. Auf unsere Frage, wie lange es dauern wird, um dort  hineinzukommen, hieß es “ein bis zwei Stunden”. Mann, waren dort viele Menschen. Ich würde mal schätzen, an die tausend. Immer wieder wurden wir ruppig auf Taschendiebe aufmerksam gemacht. Bei dem Gedanken, was hier passieren würde, wenn eine Panik ausbrechen würde, bekam ich Muffensausen und drängte mich wieder nach draußen. Puh.

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Wir versuchen stattdessen unser Glück beim Lotustempel. Aber auch hier reihten wir uns bereits 300 Meter vor dem Eingang zum Gelände in eine Menschenschlange ein. Wobei in dem Fall das Schlangestehen ganz angenehm war, um in Ruhe das Geschehen auf der Straße zu beobachten. Überall standen kleine Garküchen oder Holzkarren mit frischen Kokosnüssen, Tuktuks ratterten vorbei, Kühe suchten im Müll nach etwas Essbarem, Leute boten Schmuck und Selfie-Sticks an und um uns herum warteten Familien mit Kindern, Pärchen, alte Männer und Frauen und sogar ein paar einzelne Touristen. Langsam aber sicher bewegten wir uns auf das Tempelgelände, und dort in einer fortlaufenden Schlange zum Tempel hin, in den Tempel hinein und wieder aus dem Tempel heraus. Es stellt sich heraus, dass Sonntags der denkbar schlechteste Tag für einen Tempelbesuch ist, weil der Großteil der indischen Bevölkerung dassselbe vorhat. Dass der Lotustempel so stark frequentiert war, liegt übrigens daran, dass viele Inder nach ihrem Besuch im ihrem eigentlichen Tempel (oder der Moschee) aus reinem Interesse noch den Bahaitempel besuchen. Es ist tatsächlich ein Treffpunkt für Menschen aller Religionen, und noch dazu durch das Sprechverbot im Inneren einer der ruhigsten Orte Delhis, was mir sehr gefallen hat.

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Grau in grau….der Lotus-Tempel im Smog / Grey, grey, grey….the lotus tempel with a lot of smog

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Inzwischen war es Spätnachmittag und die Sonne senkte sich langsam herab, sodass ich mich auf den Rückweg machte, um nicht zu lange alleine durch die dunkeln Straßen laufen zu müssen. Vorher gab es aber noch eine frische Kokosnuss am Straßenrand….mmmh! Zwei Metrofahrten, einigem Gefeilsche und einer rasanten (und etwas kalten) Tuktukfahrt später verbrachte ich den Abend entspannt mit meinen Gastgebern im Hotel, trank Chai und versuchte, den Smog des Tages aus meinen Lungen zu husten.

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The morning after…..no hangover (remember that most women in India officially don’t drink), but dark circles around the eyes nevertheless as there was a double booking at the B&B so that I slept on the couch in the living room that night (which didn’t make the stay any less pleasant. I had the chance to book into a hotel for this one night but decided that it’s not worth the trouble).

While the first three days in Delhi had been reserved for the wedding (and there had been surprisingly little time during the days to walk around and do sightseeing), I had planned to see a bit of the city and the surroundings on my last days. For this day, my idea was to go to Connaught place, to buy a ticket for the hop-on-hop-off bus, to enter the bus and enjoy a ride to all the important sights while I can sit and watch and to get off wherever I feel like getting off. I left Old Delhi, the basars and big mosque for the last day as I knew I wouldn’t be able to do all in a day.

Well, I’m not sure how much people are able to do in a day anyway. Not much, I suspect. And to tell you right from the beginning: you won’t find any beautiful, pittoresque photos of colourful fruit stalls, overflowing spice bags or delicious street food here. I really love to take pictures and I was hoping for some great motives in India. But in Delhi, I was more occupied with finding my way around, leaving various involuntary companions behind and taking care of my backpack. With so many people staring at me and talking to me, I was feeling to overwhelmed to ask if I could take pictures (and I don’t like taking pictures of people without asking).

At least, I dived into the street life, took a tuktuk to the nearest station and then the metro to the city centre. The metro is, by the way, the fasted way to get around, at least when you are trying to cover larger distances. It’s modern and cheap and there is a special wagon only for women at the end of the train, which makes it so much more comfortable!

At Connaught Place, which is the part of Delhi designed by the British, you are immediately surrounded by the craziness of an Indian mega city: crowds of people, cars, monkeys, tuktuks, street hawker, beggars, street children and a thick layer of smog covering it all. The pollution in Delhi is really, really bad and even after a short time, your eyes start to burn and you’ll not only get a headache but also a dry cough.

My first intentions was to just go with the flow, but after some time I realised that going with the flow is not that easy when you are a woman. I was never alone, there was always someone male walking with me, talking to me, trying to make money or referring me to one of his friends who happens to be a guide/taxi driver/seller/cook/…Everyone was very friendly, I never felt threatened. However, it is kind of exhausting after a while and the best way to avoid all the company is to have a plan where to go. With one very persistant guy at my side, I spontaneously decided to meet an imaginative friend at the Indian Coffee House (while the companion assured me to wait outside….mh…). The Coffee House, which was described in my guide book as “travelling back in time”, was spartanic, a bit run-down and did not really invite for longer stays (which was underlined by the according signs….see photo). After some coffee and a dosa, I felt strong enough to continue my search for the hoho-bus – which turned out unsuccessfull. As I already had a new companion at my side, I visited the Jantar Mantar which is an old astronomic observatory.

Afterwards, I took the metro to the Lotus Tempel. Said tempel is one of the few Bahai Tempel in the world, and I had promised my brother to take a picture. One of the basic ideas of the Bahai is that, in the end, every religion believes in the same god and that the various religions are based on different historic circumstances. So basically, it doesn’t matter which religion you belong to, which is a good and peaceful approach in a world like ours. Before I went to the Lotus tempel, however, I joined a young Swiss woman I met on the metro who was on her way to visit a nearby hindu tempel.

There was a lot going on in front of the tempel and we happened to be the only tourists around. Together with many others, we left our shoes at the entrance and continued barefoot. Right behind the entrace to the tempel area, it got crowded. Really, really crowded. I would guess, there were at least one thousand visitors there. We tried to make our way through the narrow lanes which were bordered by people selling strings of flowers, food and various religious items. The floor was slippery and I don’t even want to know all the things I stepped into. Every now and then, someone shouted at us in order to make us aware of pickpocketers. Behind a fenced lane, people were pushing forward in a long queue which happened to be the way into the centre of the tempel. How long would it take to get inside? One or two hours, the people guessed. I looked at the crowd pushing against the fence and I wondered what would happen in case of a mass panic. That was it. I got scared. Time to leave.

Instead of proceeding further into the hindu tempel, we tried our luck with the lotus tempel. By now, we had been informed that Sunday is the worst possible day in India to visit a tempel as most of the Indian population will have the same idea. It turned out that the same applied for the Bahai tempel, although there aren’t actually that many Bahai. But many people will go to their own tempel first and then visit the Bahai tempel out of interest afterwards. So we joined the queue along the street and moved slowly but steadily towards the entrance gate while watching the street life. It is quite interesting to queue and being able to watch everything that is going on the streets. Little food stalls, wooden waggons with coconuts, people selling necklaces or selfie sticks, tuktuks driving by and, waiting together with us in line, a variety of different people, families, couples, old men and women, and in this case even some tourists. After entering the tempel area, the queue didn’t dissolve but went on like a long snake towards the tempel, then inside the tempel and then outside again. Inside, there was some time to sit down and relax though, and as you are not allowed to talk in there, it might just be the calmest place you can find in Delhi. I really enjoyed the visit, especially because there were people from so many backgrounds and religions visiting and pausing for a moment.

When we got out again, it was already late afternoon and the sun was beginning to set. Time for me to make my way back so I wouldn’t have to walk alone in the streets once it was dark. But before I took the metro again, I had a fresh coconut at the street….mmmmh. After some haggling and an exciting (and chilly) tuktuk ride home, I spent the rest of the evening talking to my hosts, drinking chai and trying to cough up the smog of today.

About erdhummel

Familial entropy - that's an insight into our current life which has been fundamentally changed last summer when our daughter was born. Having studied in Cottbus, Germany, and worked/studied in Edinburgh, Scotland, we momentarily live in a small town in Switzerland where Karsten is trying to save the environment and Freddie is trying to save our sanity. Since there is not much time for elaborate, long emails while doing that, we thought a blog might be a good option to smuggle ourselves into the lifes of our friends.
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