Indien, Tag 3 / India, day 3

(English version follows below)

Nach zwei Tagen Hochzeitsfeierlichkeiten in Delhi kam nun am dritten Tag das große Finale und die eigentliche Hochzeitszeremonie. Apropos Zeremonie: am Abend vorher hatte mir ein Inder glaubhaft versichert, dass zwar generell die Definition von Zeit in Indien relativ sei, dass man aber immer pünktlich ist, sobald das Ereignis religiös ist.

Dem Ratschlag folgend fand ich mich also um kurz vor drei in der Wohnung der indischen Familie ein, zusammen mit einigen anderen. Zuvor hatte mir die Frau meines B&Bs geholfen, mich gekonnt in meinen Sari zu wickeln (der immerhin aus ca sechs Metern Stoff besteht). Ob ich das jemals wieder ohne Hilfe schaffe, bezweifel ich. Auch das Laufen und Sitzen war etwas ungewohnt – zur Sicherheit wurde der Stoff an mehreren Stellen mit Sicherheitsnadeln befestigt, so dass ich auch auf der Toilette keine Probleme haben sollte.

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Der Sari,bestehend aus einem Unterrock, einer bauchfreien Bluse und einem sechs Meter langem Seidenstoff / The sari, including an underskirt, and short blouse and a six meter long silk cloth

Gegen halb vier verließ die indische Verwandschaft plötzlich den Ort des (geplanten) Geschehens…eine halbe Stunde nachdem eigentlich die Zeremonien mit dem Bräutigam losgehen sollten (die Braut weilte zu der Zeit schon wieder seit Stunden im “Beauty Salon”). Ein interessiertes Nachfragen ergab: die Tanten würden sich jetzt fertigmachen, eventuell noch zum Friseur gehen und vielleicht auch noch eine Massage machen lassen. Ach so, aha, Massage. Bin ich doch mal wieder auf dieses Zeit-Dingens reingefallen.

Gegen fünf Uhr ging es auf einmal los – der Bräutigam saß wahlweise mit seinen Cousins oder seinen Eltern vor einem Priester und diversen hinduistischen Gebetsutensilien, es wurde mit Räucherstäbchen geräuchert und vor sich hin gemurmelt. Das Ganze war eine spannende Mischung aus religiöser Wichtigkeit und Alltagsprofanität, denn während die Zeremonie stattfand, wurde immer wieder telefoniert und aufs Handy geschaut, es war ein Kommen und Gehen, der Fotograf und der Kameramann waren direkt neben vor dem Bräutigam positioniert. Irgendwann wurde der Bräutigam mit Ketten aus Geldscheinen behängt und ein wichtiger Teil schien darin zu bestehen, dass die Familienmitglieder über seinem Kopf Geldschein schwenkten, sie dann in die Mitte warfen und ein Foto mit dem Bräutigam machten.

(An dieser Stelle sei bitte nochmal vermerkt, dass ich ehrlich gesagt keine Ahnung habe, was für Zeremonien genau stattfanden und das soll in keinster Weise als Zeichen von Ignoranz gewertet werden, sondern es blieb einfach keine Zeit, sich alles erklären zu lassen. Insofern habe ich es einfach als Beobachter auf mich wirken lassen, ohne zu wissen, was vor sich ging).

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Als genug Geldscheine geschwenkt wurden, ging draußen vor dem Gebäude plötzlich Getrommel los und es wurde spannend. Inzwischen war es dunkel (wir waren laut Plan über zwei Stunden zu spät) und alle versammelten sich um die Trommler. Es wurde nahezu ekstatisch getanzt, vor allem von den jungen Männern (zu einem Zeitpunkt hatte der eine Cousin mehrere Geldscheine zwischen den Lippen und versuchte eine Art Limbo unter der Trommel durch, das war sehr faszinierend und ich staune, dass sich jemand überhaupt traut, die Geldscheine an die Lippen zu nehmen). Wir bewegten uns als Gruppe tanzend und sehr langsam Richtung Straße, wobei immer wieder gestoppt wurde um noch ekstatischer zu tanzen. Spannend wurde es, als mal wieder der Kameramann an der Gruppe von Nicht-Indern vorbeikam, der Scheinwerfer auf uns gerichtet wurde und alle riefen “Dance!! Dance!!” und wir minutenlang für die Kamera tanzen mussten, während die Trommler immer noch eine Runde und noch eine Runde trommelten.

Als wir unseren Weg an die Straße getanzt hatten, löste sich alles in Luft auf und alle fuhren zur eigentlichen Feierstätte. In Neu-Delhi gibt es entlang des Flughafens eine ganze Straße, in der ein Hochzeitspavillon nach dem anderen aufgebaut ist, die ab Anfang Dezember nahezu jeden Abend ausgebucht sind. So ein Veranstaltungsort involviert viel Schmuck und viele farbige Scheinwerfer, aber in unserem Fall auch sehr schöne Sitzgruppen und Zelte und überall aufgebaute Buffet-Stationen mit diversen indischen Köstlichkeiten.

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Eine Weile nachdem wir angekommen waren tauchte auch endlich die Braut auf – sie war im Verkehr steckengeblieben, wobei sie anscheinend selber der Grund für den Stau war: eine weiße Frau in indischem Brautkleid sieht man halt doch nicht all zu häufig. Da kaum Verwandschaft von Seiten der Braut vor Ort war, wurden wir Freundinnen kurzerhand in den Hochzeitszug mit eingebunden und begleiteten die Braut unter einem Baldachin zu den Sitzen, wo die Trauzeremonie stattfand. Dort angekommen nahmen Braut und Bräutigam Platz, die Eltern saßen an beiden Seiten und wir standen etwas unsicher herum, da wir nicht genau wussten, ob wir dabeistehen durften oder nicht. Aber auch hier stellte sich heraus: während das Brautpaar, die Eltern und der Priester konzentriert ihrer Sache nachgingen, herrschte zwischen den übrigen Gästen ein reges Kommen und Gehen. Ungefähr 80 % der Gäste vergnügte sich sowieso bereits am Buffet.

Um das Ganze zusammenzufassen: das Brautkleid war umwerfend und exotisch (und anscheinend sehr schwer, da aus Samt), die Zeremonie involvierte viel Reis ins Feuer werfen und Sachen essen und Sachen weiterreichen. Zu einem Zeitpunkt wurde der Priester mehrmals vom Brautpaar umrundet. Zu einem anderen Zeitpunkt herrschte kurz Nervosität, weil das Feuer so groß wurde, dass das Brautkleid fast in Flammen aufging. Und zu einem wieder anderen Zeitpunkt haben wir das Brautpaar mit Blütenblättern beworfen. Was dann folgte, war ein Foto- und Filmmarathon für das Brautpaar, der gefühlt den ganzen Abend anhielt, während die anderen Gäste tanzten und aßen. Als sich alle nach Mitternacht auf den Rückweg machten und nur die Kernfamilie blieb, um nach dem reichhaltigen Buffet das Familiendinner abzuhalten, da saß das Brautpaar immer noch auf den Stufen der nachgebauten Burg und musste modeln.

Was für eine aufregende und exotische Hochzeit – so ganz anders als alle Hochzeiten, die ich bisher erlebt habe. So farbenfroh, so laut und so viel Getanze! Was bin ich froh, dass ich dabei sein dürfte!

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Für die offiziellen indischen Hochzeitsfotos / For the official Indian wedding pictures

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Ich im Sari mit der “organisation auntie” / Me in a Sari with the organisation auntie

Das Brautpaar bekommt übrigens die Rohdateien des Fotografen um sich die Bilder aussuchen, die sie haben wollen. Na dann viel Spaß 😉

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After two days of wedding celebration in Delhi, it was time for the big finale and the actual wedding ceremony. Talking about ceremonies: the day before, an Indian guests had convincingly assured me that the concept of time is, indeed, relativ in India but that Indians are always on time as soon as you add some religious meaning to the occasion. So the wedding ceremonies should actually begin at the time that was written on the invitation.

Following up on that advice, I arrived safe and sound and on time at the apartment of the groom’s parents, wearing my Sari. The lady of the lovely B&B I was staying at had helped me getting dressed. After all, a Sari is basically a six meter long cloth which is wrapped around your body in quite an artistic way. I doubt that I’ll ever be able to put it on by myself, and walking and sitting in a Sari was a little bit odd at first, but very soon it felt quite comfortable. To be on the safe side, we used several safety pins so that I wouldn’t have any unfortunate incidents.

Half an hour after the ceremony regarding the groom was supposed to start, the Indian family suddenly left the place to be (at that time, the bride had already been at the beauty salon for hours). A short investigation revealed: the aunties would get ready now, maybe they’ll swing by the hair dresser and maybe they’ll get a massage before the wedding starts, because after all, the dancing is quite exhausting if you do it for three evenings straight. A massage, ah, well. Once again, I was taken in by the concept of time.

Around five o’clock, it suddenly started – the groom sat down in front of a priest, accompanied by his parents and one or two cousins. There were several hinduistic prayer utensils, incense sticks were burning, words were murmered. The whole thing was an exciting mixture of religious seriousness and mundane actions, as it was actually a constant coming and going. People were on their phones, talking and the camera guy and photographer with their spotlights were positioned right next to the priest. At one point, the Indian guests were putting necklaces made out of paper money on the groom and an important part seemed to involve waggling paper money above his head, throwing it into the middle and then having a picture taken with him.

(At this point, please note that I actually have no knowledge about the meaning of most ceremonies that had been going on and it is not at all intended to be a sign of disrespect but there was simply no time for explanations. That’s why I simply observed what was going on, without understanding most of it).

After the paper money waggling, some serious drumming started outside the building  and the party started. By now it was dark outside (according to the plan, we were two hours late) and everything gathered around the drummers: especially the young men started to dance and the louder the drums were, the more ecstatically the dancing got ( there was one moment when one of the cousin had a bunch of paper money between his lips and tried to do a limbo with the drums, and I was not only impressed by his dance moves but also by his courage to actually put the money in his mouth). As a group, we moved slowly and in a dancing manner towards the street, always being filmed by the camera guy. For the non-Indian it got very exciting when suddenly the spotlights were pointed at our group and people shouted “dance! dance!” and we had to dance for the camera for minutes while the drummers were doing one drum finale after the other.

After having danced our way to the main street, everything stopped and everyone started to get into cars to go to the actualy wedding venue. In New Delhi, there’s a long street along the airport where you can find one wedding venue after the other which are booked almost every evening in December as it is the main wedding season in India. Such a wedding venue involves a lot of lights and decoration and flowers, and in our case some lovely sitting arrangements and tents under the full moon, and not to forget all the different food stations around the place offering a delicious buffet.

A while after we arrived, the bride finally arrived too – she got stuck in the traffic, whereas it seems that she was partly the reason for the traffic: an American woman in an Indian wedding gown is still an unusual sight in Delhi. Since there weren’t many relatives from her side at the wedding, her friends (including me) were spontaneously involved in walking her underneath a baldachin from the entrance to her husband and the place of the ceremony. Having arrived there, we were a little unsure about what to do now and whether we are allowed to stay and watch. But similar to the grooms’ ceremony earlier that day it turned out that the guests were quite free to come and go, while it was mainly the bride and groom, the priest and the parents who were concentrating on the events. I would say that about 80% of the guests were already enjoying the food and the drinks at that time ( which is really an interesting contrast to the strict venue of all the European weddings I have attended so far).

To wrap up the evening: the wedding gown was simply amazing and exotic (and apparently very heavy as it was velvet). The ceremony involved a lot of rice being thrown into a fire, eating things and passing things on. At one point, the bride and groom were circling the priest several times. At another point, the fire got too big and everyone feared that the bride would catch fire. And at yet another point of the evening, we were all throwing petals on the bridal couple. The ceremony was followed by a long photo- and video marathon for the bride and groom, which lasted almost the whole evening (interrupted by some smaller ceremonies and group pictures), while the rest of the wedding party was enjoying good food and dancing. Most of the guests started to leave shortly after midnight, when the closest family gathered for a family dinner. At that time, the bridal couple was still out there, sitting on the stairs of a small castle, posing for the photographer.

It was such a great experience to be part of the celebration – so different from any other weddings I have seen, with so much colour, so much food and so much dancing going on! What a once-in-a lifetime event!

 

 

 

 

About erdhummel

Familial entropy - that's an insight into our current life which has been fundamentally changed last summer when our daughter was born. Having studied in Cottbus, Germany, and worked/studied in Edinburgh, Scotland, we momentarily live in a small town in Switzerland where Karsten is trying to save the environment and Freddie is trying to save our sanity. Since there is not much time for elaborate, long emails while doing that, we thought a blog might be a good option to smuggle ourselves into the lifes of our friends.
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