mütterliches Wunschdenken (und die Realität) / wishful maternal thinking (and reality)

(English version follows below)

Vorgestern Abend musste meine Familie leider ziemlich schlechte Laune meinerseits ertragen. Und Schuld daran war die Spielzeugsindustrie. Und der eine, der einzige Laden in unserem Ort, der ein nennenswertes Spielzeugangebot hat. Und wenn ich die Zeit und die Muße und vor allem das Geld hätte, dann würde ich noch dieses Jahr einen eigenen Spielzeugladen hier aufmachen, jawohl, nur damit das mal klar ist!

Wir nähern uns nämlich dem 5. Geburtstag der Großen. Natürlich soll es auch wieder eine Feier mit ihren Freunden geben, und wie wir letztes Jahr gelernt haben, ist es hier so üblich, dass die Geburtstagskinder in besagtem Laden einen Geburtstagskorb haben. Dort packen sie alles rein, was sie sich wünschen, und die Gäste können die Sachen dann kaufen und schenken. Ein System, was ich sowieso schon etwas fraglich finde. Der klare Vorteil ist, dass man auf jeden Fall etwas schenkt, worüber sich das Kind auch freut (die Eltern nicht unbedingt, wie man vielleicht schon vermuten mag). Aber erstens finde ich es nett, wenn die Gäste selber Ideen haben, was sie schenken könnten. Individualität und Selbstständigkeit und sowas, nicht? Und zweitens….nun ja, zweitens drückt man seinem Kind einen Korb in die Hand und sagt “Such dir aus, was du am Liebsten hättest” und dann steht man am Ende da und könnte spontan in Tränen ausbrechen. Denn: es gibt halt nur diesen einen Laden. Und dieser eine Laden hat zwar viel, aber vor allem viel Mist.

Und mit Mist meine ich wirklich Mist. Für Mädchen gibt es alles, was das stereotypische achsomädchenhafte Herz erfüllt, und zwar ausschließlich in der Farbpalette rosa-pink-lila-glitzer. Man darf sich entscheiden zwischen Topmodel-Stickeralben, rosa Einhornschmuckkästchen, pinkglitzernden Stiften oder Kuscheltieren, die ich persönlich eher in ein Horrorkabinett stecken würde.

Für Jungs gibt es natürlich, ganz klassisch, Autos, Dinosaurier und Feuermann Sam. Und Plastikwerkzeug und Gewehre. Ist ja klar.

Natürlich gibt es auch Sachen dazwischen. Ein paar Bücher, Tiptoi, Puzzle und Schleichtiere. Aber die Tendenz ist klar, oder? Und da stehe ich nun als Mutter und muss zusehen, wie mein Kind ein furchtbares Geschenk nach dem anderen in den Korb packt. Hauptargument? “Das haben die anderen auch!”. JA! Die anderen haben das auch, weil es hier nun mal NICHTS ANDERES GIBT! Schlimm ist das. Warum, frage ich mich, fährt der Laden diese Schiene? Warum überlegen sich die Leute nicht, was es sonst noch an coolen Spielsachen gibt? Ob man nicht vielleicht sogar eine Verantwortung hat, den Kindern noch was anderes außer dünnen Models und glubschäuigen Viechern zu bieten?

Nehmen wir doch mal die Farben. Wie wäre es denn mit grün, gelb, orange, oder schlicht und ergreifend mal rot statt rosa? Aber Gott bewahre, wenn ein Mädchen sich nicht über rosa freut. Das ging mir schon damals so, als die Große ein Baby war und ständig für einen Jungen gehalten wurde, weil sie grün anhatte.

Ja, meine Tochter findet rosa toll. Und Einhörner. Und Glitzer. Das ist auch ok für mich (zumindest arbeite ich dran). Aber der Grund, weshalb sie das toll findet, ist nicht ihr Geschlecht. Ich weigere mich zu glauben, dass es Mädchen angeboren ist, was sie toll finden. Und wir haben wirklich unser Bestes gegeben, um ihr vorzuleben, dass es auch andere Sachen gibt. Trotzdem hielt irgendwann Elsa bei uns Einzug. Weil ihre Freundin das toll fand. Und weil es in jedem verdammten Laden Elsa-Sachen gibt. Damit habe ich mich inzwischen angefreundet. Immerhin steht der Hobbit total auf Anna – zumindest ein Stereotyp weniger. Und auch mit rosa kann ich mich schon lange arrangieren. Aber dieses glubschäuigige Glitzermonster, das hat relativ wenig Chance meine Gunst zu gewinnen. Im Korb ist es trotzdem geblieben. Weil die Große ganz richtig bemerkt hat “Mama, es ist doch MEIN Geburtstag!”. Und da hat sie total recht.

Aber nun stellt euch mal vor, nur mal so rein theoretisch, wir hätten hier einen Spielzeugladen, der sinnvolles, schönes Spielzeug verkauft. Mit dem man was anfangen kann, das nicht sofort kaputt geht, und das nicht geschlechtsspezifisch aufgezogen ist. Was Spaß macht, lustig und cool ist und das Kind auch ein bisschen fordert (mehr als nur aufgemalten Models Glitzerbikinis anzuziehen). Ich bin mir 100% sicher, meine Tochter hätte ebenso glücklich ihren Korb gefüllt und wäre beseelt aus dem Laden gegangen. Und mir hätte es wahrscheinlich nicht das Abendessen verdorben.

(Letztes Jahr haben wir übrigens auf den Korb verzichtet. Aus eben diesen Gründen. Da hat das Kind eine Stofftasche mit pinkem Kunstfell und Neonstiften zum Bemalen geschenkt bekommen. Aus eben diesem Laden. Kommt also auf’s Gleiche raus!)

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Two nights ago, my family had to endure quite a bad mood on my part. And I’m sorry to say, but the toy industry is to blame. The toy industry, and the one (and only) toy shop in our town. And if I had the time and the money, then I would open my own toy shop in this town, just to make that clear!

We are approaching the 5th birthday of the little one. Of course there will also be a party with her friends again, and by now we learned that it is a common thing here to prepare a so called birthday basket in the (one and only) toy shop. The kid is allowed to put everything fun in there, and the guests can then choose between the gifts. I’m not a big fan of this system. The (one) advantage is that always buy a gift that the kid will truly like (not necessarly the parents, though, as you might already suspect). But first of all, I think it’s nice when the guests have some own ideas about possible presents. Individuality and all that… And secondly….well, secondly you tell your child “choose what you like best” and then you are about to burst into tears when checking the basket. Because: there is just this one shop in town. And it might have some kind of variety, yes, but I’m sorry to say but this variety contains a lot of crap.

And by “crap” I really mean crap. This shop fullfills every stereotypical gender aspect. For girls, you’ll find everything in the colous pink-purple-rosé-glitter. You can choose between top model sticker albums, pink unicorn jewelry boxes, pink glittery pens or soft animals which I personally would rather put in a horror cabinet (not sure if the word “animal” even covers it).

For boys there are of course cars, dinosaurs and Fireman Sam. And plastic work tools and rifles. Obviously.

Of course, there are things in between. A few books, TipToi, puzzles and so on. But the tendency is clear, isn’t it? And here I stand, as a mother, and have to watch how my child puts one horrible gift after another into the basket. Her main argument? “All the others have it too!”. YES! The others have all that stuff too, because there is NO OTHER OPTION!  Why, I wonder, does the store run these products? Why don’t people order any other toys – there are so many cool, creative and fun toys on the market!

Let’s take the colors. How about some green, yellow, orange, or simply red instead of pink? But God forbid if a girl is not happy about pink. It starts with giving birth: the little one was constantly mistaken for a boy when she was a baby because she was wearing a green jacket.

And yes, my daughter likes pink. And unicorns. And glitter. And that’s fine for me (at least I’m working on it). But the reason for it isn’t her gender. I refuse to believe that girls have an inborn passion for pink. And we really tried our best to show her that there are other things/colours/toys. Nevertheless, one day Elsa moved in with us. Because her friend loved it. And because there’s Elsa stuff in every damn store. I’ve gotten used to it by now. After all, the Hobbit is totally into Anna – one stereotype less :-). And I don’t object pink stuff.  But this glitter monster which found its way into the birthday basket has a pretty slim chance to win my trust! It’s still in the basket, though. Because, as the little one correctly stated: “Mom, it’s MY birthday!”. She’s right!

But now imagine, just in theory, that we’d have a toy shop here that sells nice toys. Toys that make sense. Toys that don’t break right away and that are not gender-specific. Toys wich are funny and cool and creative and also challenge the child a bit (more challenge than putting on glittery bikinis on thin models). I am 100% sure my daughter would have been just as happy to fill her basket there, and she would have left the shop being completely happy. And I might have had a nice dinner that evening.

 

About erdhummel

Familial entropy - that's an insight into our current life which has been fundamentally changed last summer when our daughter was born. Having studied in Cottbus, Germany, and worked/studied in Edinburgh, Scotland, we momentarily live in a small town in Switzerland where Karsten is trying to save the environment and Freddie is trying to save our sanity. Since there is not much time for elaborate, long emails while doing that, we thought a blog might be a good option to smuggle ourselves into the lifes of our friends.
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5 Responses to mütterliches Wunschdenken (und die Realität) / wishful maternal thinking (and reality)

  1. Schlenki says:

    wenn es einen Laden gäbe, der sowohl sinnvolles und (in unseren Augen) schönes Spielzeug als auch Glitzer und Glubschaugenspielzeug hätte, wäre ich mir relativ sicher, dass die meisten kleinen Mädchen dennoch magisch vom Glitzer und Glubsch angezogen wären. Das absolute Traumspielzeug meiner Kindheit, was ich nie selber besessen habe, war die Pfirsichblütenbarbie. Heute bevorzuge ich alles, was wahrscheinlich auch Deinen Segen fände. Und trotzdem: habe ich mir vor drei Jahren bei ebay genau die Pfirsichblütenbarbie meiner Kindheit ersteigert. Ich konnte einfach nicht anders. Ich habe sie meinen Mädchen geschenkt. Sie spielen NIE damit. Ich glaube, Geschmäcker ändern sich im Laufe des Lebens ganz stark. Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass Linnea mit 30 noch auf Einhörner steht. Wahrscheinlich führt sie einen Waldkindergarten oder den ersten sinnvollen Spielzeugladen in Eurer Umgebung! Oder setzt Ihre Phantasie sonst irgendwie sinnvoll ein. Und was die Farbe pink angeht: wenn es jetzt eine Studie gäbe, die belegen könnte dass Kinder, die der Farbe pink dauerhaft ausgesetzt sind im späteren Leben eher verblöden, sich übers Ohr hauen lassen oder sonst irgendwelche Nachteile haben, dann würde ich meine Kinder davor schützen wollen. Aber solange es diese Studie nicht gibt, sollen sie von mir aus gerne in pink schwelgen (tun sie im übrigen gar nicht, aber eine gewisse Faszination lässt sich nicht leugnen). Ich war übrigens eben in einem Spielzeugladen. Mit wirklich schönen Sachen (unter anderem um eine Karte für Deine Tochter zu kaufen). Und habe gedacht, toll, wenn es diesen Laden nicht gäbe, müsste ich wohl einen aufmachen….

    • erdhummel says:

      Ich mache mir bei der Großen auch gar keine Sorgen, ehrlich gesagt. Mit rosa und Einhörnern (und rosa Einhörnern) habe ich meinen Frieden gemacht, und das Beruhigende ist ja, dass ich sie kenne und genau weiß, was sie gerne spielt und was sie toll findet. Das ist jetzt halt die glubschäugige Giraffe, kann aber morgen genau so ein naturgetreues Ferkel sein. Mich ärgert es nur wirklich, dass es hier keine Alternativen gibt und deswegen alle immer den gleichen Schnickschnack kaufen müssen. Oder man weicht zwangsläufig auf das Internet aus.

    • erdhummel says:

      Und ihre zwei Hauptwünsche für ihren Geburtstag waren: ein Einhorn. Und ein echter Werkzeugkasten. Kriegt sie beides 🙂

  2. Karin says:

    Immerhin schenkt die Oma Hammer und Nägel 😀

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